Die germanische Seele und der deutsche Geist


Liebe Leser,

dies ist eine kurze Zusammenfassung des Vortrages von Rudolf Steiner über die germanische Seele und den deutschen Geist. Es ist das Erhabenste und Ergreifendste, das ich je über die Entwicklung und dem Verständnis des deutschen Volksgeistes nicht nur lesen durfte, sondern der mich seelisch und geistig ergriffen hat.

Ausgehend von der hellseherischen Erkenntnis der Völker am Ausgangspunkte ihrer Entwicklung schildert Rudolf Steiner den Werdegang der Germanen bis zur deutschen Klassik, den Höhepunkt der deutschen Geistesgeschichte. Eingebettet in die Natur, entwickelten die Germanen bereits eine tiefe Sehnsucht nach den geistigen Grundlagen des Lebens. Er spricht von der Aufteilung des germanisch Seelenhaften in den Süden und Westen und vom Verbleib eines Kerns in Mitteleuropa. Diesem verbleibenden Kern wurde die Aufgabe zuteil, die bereits entwickelten seelischen Charaktereigenschaften durch die christlichen Impulse ins Geistige zu steigern. Er geht ein auf das im Sachsenland entstandene Gedicht des „Heliand“, sowie auf die Vertreter der deutschen Mystik und schildert deren Bemühen, alles abstreifen zu wollen, was in der einzelnen Persönlichkeit ist und daß sie sich nur als ein Instrument fühlen wollen, durch welches der Gott selber spricht und fühlt und denkt und will.

Er schildert weiter, wie „die Kräfte, die in die deutsche Geistesentwickelung eingezogen waren, fortwirkten, und wir sehen sie wieder auftauchen dort, wo der deutsche Geist seinem Volke die bisher tiefsten Impulse eingepflanzt hat. Wir sehen in der Zeit, die wir die deutsche klassische Zeit nennen, die Sehnsucht entstehen nach dem tiefsten Erleben des eigenen menschlichen Geistes, nach dem Hervorsuchen alles dessen, was der Mensch im Geiste erleben kann, und nach dem Ausgestalten dessen, was der Menschengeist erleben kann, zu einer Weltanschauung.“

„Wir sehen die kontinuierliche Fortentwickelung der germanischen Seele zum deutschen Geist; wir sehen den deutschen Geist in einer Anfangsetappe, sehen die Keime, die da sind und die Versprechen, daß er noch auf Höhen steigen muß, die schon implizite in ihm liegen, und die nicht getötet werden dürfen, sondern die sich entwickeln müssen, weil sie zu seinem Wesen gehören. Einzelne Menschen können sterben, bevor sie ihr Leben voll ausgelebt haben. Menschen können sterben in den Jugendjahren ihres Daseins, weil sie wiederkehren in anderen Erdenleben, und weil außerdem für das irdische Kulturleben andere an ihre Stelle treten können.
Unvollendete Menschenleben können sich im äußeren physischen Dasein abspielen. Unvollendete Völkerleben nicht! Denn wenn ein Volk, bevor es seine Mission erfüllt hat, hingemordet würde oder in seiner Existenz beeinträchtigt würde, dann tritt nicht eine andere Volksindividualität an seine Stelle. Völker müssen sich ausleben! Völker müssen den Kreislauf ihres Daseins — nicht nur das Kindes- und Mannesdasein, sondern ihr Dasein bis in die höchste Vollendung hin erreichen.
Der deutsche Geist, das deutsche Geistesleben steht nicht an einem Ende, nicht vor einer Vollendung; sondern es steht an einem Anfange. Ihm ist noch viel zugeteilt. Wenn Feindeswünsche, die nach dem Entgegengesetzten gehen, sich von allen Seiten gegen die Existenzmöglichkeiten des deutschen Volkes, der mitteleuropäischen Welt erheben, dann muß es dieses sein, was der mitteleuropäischen Welt, was dem deutschen Volke die Kraft zum Widerstände gibt, die Kraft gibt, die Keime lebendig zu erhalten, die wir in seine Seele gelegt finden gerade dann, wenn wir diese Seele in ihrer ganzen lebendigen Entwickelung betrachten.
Und der Glaube an die Sieghaftigkeit des deutschen Lebens, er braucht nicht ein bloßer blinder Glaube zu sein; er kann hervorgehen aus der lebendigen Erkenntnis des deutschen Wesens, aus jener lebendigen Erkenntnis, welche da zu der Anschauung kommt, daß das deutsche Leben fortleben muß, weil das deutsche Wesen in der Weltenentwickelung seine Mission erfüllen muß, weil nichts da sein würde, was die rein äußere materialistische Weltanschauung erheben würde zu jener ideellsten spirituellen Höhe, deren Intention im deutschen Wesen liegt.
Wahrhaftig: in diesem deutschen Geistesleben liegt das, was einstmals die bloße materialistische Weltanschauung herausführen wird zur Anschauung der spirituellen Welt. Und daß die besten Geister es geahnt haben, daß ein Anfang und nicht ein Ende des deutschen Geisteslebens gegeben ist, das sehen wir bei allen großen Geistern, wie sie die Impulse dieses Geisteslebens ausgesprochen haben.“

Der Originaltext finden sie u.a. hier.

RUDOLF STEINER
Aus schicksaltragender Zeit
DIE GERMANISCHE SEELE UND DER DEUTSCHE GEIST
Berlin, 14. Januar 1915