Die geostrategische Herausforderung Mitteleuropas


Exkurs zur gegenwärtigen Geostrategie der USA

von Herbert Schliffka, Achberger Kulturzentrum.

zollunion.russland.kasachstan.weissrussland100 Jahre nach den geschichtlichen Ereignissen von 1914 – dem Jahr, in dem die Kriegsereignisse beginnen, die den Beginn der Weichenstellung von 1917 vorbereiten, die zur westlich-östlichen Kapitalismus-Kommunismus Polarität als Grundton im 20. Jahrhundert geführt haben – wird denen, die die 3 x 33 Jahre Gesetzmäßigkeit kennen und dadurch für den gegenwärtigen geostrategischen Versuch einer Weichenstellung für das 21. Jh. aufmerksam sind, in vielen der derzeitigen globalgesellschaftlichen Ereignissen beobachtbar, dass diese Weichenstellung für das 21. Jh. zu einer erneuten Ost-West-Spaltung führen soll.

Ziel dieser Weichenstellung ist die Polarisierung zweierlei Systeme innerhalb eines globalen Kapitalismus.

In Ostasien – zunächst in China – wird ein staatsdiktatorisches System, das das geistig-kulturelle Leben vollständig kontrolliert und etabliert. Zugleich lässt es ein Wirtschaftssystem zu, das zunehmend auch von privatkapitalistischen Eigentümern gesteuert wird, damit es im globalisierten privatkapitalistischen System als erfolgreicher Player mitwirken kann.

Im Lichte dieser Staats- und Kulturdiktatur im fernen Osten kann das westliche Gesellschaftssystem, in dem „das Geld als solches herrscht“ (Rudolf Steiner am 19. Oktober 1919, im 9. Vortrag der GA 191), sich in seiner Gesellschaftssemantik den Anschein von Freiheit und Demokratie geben. Und das obwohl strukturell für die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder einerseits nur eine minimale Freiheit besteht, die größer wird, wenn das finanzielle Vermögen der Menschen zunimmt, so dass sie dann z.B. auch die Medien u.a. kulturelle Einrichtungen beherrschen können.

Und andererseits in den meisten Staaten des westlichen Systems nur eine parlamentarische Minimaldemokratie zugelassen wird, damit die Geldherrschaft nicht gefährdet wird. Denn in einer solchen Minimaldemokratie werden außer dem Wahlakt keine Entscheidungen durch das Volk – d.h. keine direktdemokratischen Entscheidungen – im politischen System zugelassen. Die reine parlamentarische Minimaldemokratie ist also eine Scheindemokratie im Hinblick auf die Gesetzgebung, da diese nur durch den gewählten parlamentarischen Vormund ausgeübt werden kann.

Eine globale Polarität von staatsdiktatorischem Privatkapitalismus im Osten einerseits und ein westliches, nur durch die Geldherrschaft technokratisch gesteuertes, privatkapitalistisches Gesellschaftssystem, das sich den Anschein von Freiheit und Demokratie gibt andererseits, ist nur dann möglich, wenn ein dritter Weg in Europa, also eine eigenständige europäische Gesellschaftsform, in der echte Demokratie und individuelle Freiheit möglich wird, verhindert werden kann.
Dazu muss ein solches – schon Gorbatschow gewolltes – „gesamtes Haus Europas“, wozu auch Russland gehört, verhindert werden.

Wenn es also den US-Geostrategen gelingt, Russland aus Europa heraus und an das chinesische System eines staatsdiktatorischen Privatkapitalismus im Osten heran zudrücken, dann können die Weichen für das 21. Jahrhundert in Richtung einer neuen globalen Ost-West-Spaltung gestellt werden, in der zweierlei Formen von privatkapitalistischen Systemen existieren.
Russland und die anderen mit ihm in der eurasischen Union verbunden Staaten sind ja gefährdet auf dem Weg ihrer bisherigen Entwicklung, da sie sich erst seit 25 Jahren aus einer totalen, kulturellen und wirtschaftlichen Staatsdiktatur befreit haben und von da ab zunächst versucht haben, in Sinne des westlichen Systems der Geldherrschaft Fuß zu fassen.

Doch was bedeutet diese Entwicklung für die USA, wenn sie die Vorherrschaft in der Welt behalten will? Wenn eine technisch und wirtschaftlich hoch entwickelte EU in Assoziation mit einer rohstoffreichen und absatzstarken Asiatischen Union, in deren Zentrum das militärisch starke Russland steht? Für die USA würde eine viel zu starke Konkurrenz entstehen, die ihren Führungsanspruch im weltwirtschaftlichen Vernichtungswettbewerb der privatkapitalistisch geführten Unternehmen um Marktmacht in Gefahr bringt. Dieser Gefahr versucht sie entgegen zu wirken.

Dass scheint mir – trotz aller verschleiernder Semantik, die über fast alle Kanäle der meinungsbildenden westlichen Medien hauptsächlich gesendet wird – offensichtlich zu sein.

Diese Konstellation von global agierenden Privatunternehmen, die ihren Standort in Nationalstaaten haben, und dort mit der Staatsmacht verbunden sind, nannte Rudolf Steiner als einen der Hauptgründe für den Ausbruch des 1. Weltkrieges im Jahre 1914.

Er schreibt im August 1919:
„Die Weltkriegskatastrophe hat das Mißverhältnis der historisch gewordenen Staatsgebilde und der Weltwirtschaftsinteressen zur Offenbarung gebracht. Ein großer Teil der Kriegsursachen wird darin gesucht werden müssen, daß die Staaten das Wirtschaftsleben zur Verstärkung ihrer Macht ausnützten, oder daß die wirtschaftenden Menschen durch die Staaten die Förderung ihrer wirtschaftlichen Interessen suchten. Die nationalen Wirtschaften stellten sich störend in die nach Einheit strebende Weltwirtschaft hinein. Sie suchten wirtschaftend für sich als Gewinne einzuheimsen, was nur in dem allgemeinen Wirtschaftsleben zirkulieren sollte.“
INTERNATIONALE WIRTSCHAFT UND DREIGLIEDRIGER SOZIALER ORGANISMUS“. GA 24, S. 220 ff

In einer (hier gewiß einseitig formulierten) Kompaktform lässt sich sagen: 2014 wird in der für die Polarisierung geostrategisch wichtigen Ukraine ein Staatsstreich organisiert und von der an die Macht gekommenen Regierung ein Bürgerkrieg gegen die eigene – überwiegend an die russische Kultur gebundene (zu einem großen Teil auch russisch stämmige) – Bevölkerung im Osten des Landes begonnen, weil diese nicht den Weg in die Abhängigkeit vom Westen mitgehen will.

In Nordafrika, im nahen und mittleren Osten werden die Diktatoren, die der USA feindlich gesinnt sind, durch Krieg (Afghanistan und Irak) sowie durch friedliche oder gewaltsame Revolutionen beseitigt, so das Warlords (z.B. in Libyen) und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen um die Macht kämpfen und der Boden für weltweit agierende Terrorgruppen, die auch einen Islamischen Staat anstreben, um das Chaos in der Region mit brutaler Gewalt zu beenden, bereitet werden.
Die Angst vor dem Terror, bindet die westlichen Staaten Europas an die einzig verblieben Supermacht USA.

Wie stark werden die EU-Staaten zu einem Verzicht bewegt werden können, einen eigenständigen Dritten Weg echter Demokratie und individueller Freiheit zu gehen?

Oder sich statt dessen der Vorherrschaft der USA zu unterwerfen, wenn es dieser gelingen sollte, Russland und die mit ihm verbundenen Staaten von Europa abzudrängen und statt dessen an China zu binden und dessen System der staatsdiktatorischen Form der privatkapitalistischen Wirtschaft anzunehmen?

Wird Europa sich in diesem Fall nicht zu Tode fürchten vor einem solchen Koloß von Land- und Menschenmassen und von so  großer militärischer Stärke? Es benötigt dann ganz real die USA als Schutzmacht und verliert jede Eigenständigkeit.

Ist das der Weg, den Europa an dieser Weggabelung für das 21. Jahrhundert gehen will: die Dualität der Polarisierung anstelle der Drei, der Konstellation in der Europa als eigenständige Mitte ein drittes Gesellschaftsgebilde zwischen den Systemen in Ostasien und der USA gestaltet.

Doch bisher beteiligen sich die Staaten der EU – gegen ihre eigenen Interessen und gegen eine menschengemäße Entwicklung des global gewordenen Gesellschaftsorganismus – an der Abtreibung Rußlands aus Europa und damit an der falschen Weichenstellung für das 21. Jh..

Auf Grund dieser Argumentation im vorstehenden Exkurs zur gegenwärtigen Geostrategie der USA möchte ich Euch aufmerksam machen auf eine Sendung, die mit in diesen Themenbereich Geostrategie gehört.

In der ARD-Fernsehsendung – Putins Volk -, die am Mittwoch, den 21.01.15 um 22:47 Uhr gesendet wurde, kann auch Interessantes zu dem Thema beobachtet werden. Die Sendung kann mit folgenden link als Video angeschaut werden.

Ergänzend dazu das Standardwerk von Zbigniew Brzezinski:

Amerikas Strategie der globalen Vorherrschaft

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Siehe dazu z.B. auch: Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Ffm, 1993